In unserem Uhrengeschäft in der Uhlandstraße 47 sehen wir jede Woche Uhren, die Menschen nach einem Kauf zur Bewertung bringen – oft in der Hoffnung, die wir nur behutsam enttäuschen können. Deshalb haben wir uns entschieden, heute offen zu schreiben: nicht „Wie wird man in fünf Schritten zum Experten", sondern wie es wirklich ist. Als konkretes Beispiel zeigen wir heute eine Zenith-Kopie, die uns kürzlich zur Prüfung vorlag.
Billige Fälschungen erkennen: Man sieht es sofort
Die vier wichtigsten Merkmale einer günstigen Replika
Liegt eine offensichtliche Replika minderer Qualität vor, ist sie nicht schwer zu erkennen. Worauf wir als Erstes schauen:
- Schrauben am Gehäuseboden: Bei originalen Schweizer Uhren sitzen die Schrauben immer für einen Schlitzschraubendreher ("Minus"). Bei billigen Fälschungen sind es fast immer Kreuzschlitzschrauben ("Plus"). Dieser Produktionskompromiss verrät eine Replika sofort.
- Saphirglas vs. Mineralglas: Originaluhren von Zenith, Rolex oder Omega verwenden Saphirglas. Es verkratzt nicht und gibt einen charakteristischen bläulichen Antireflex-Schimmer. Bei Fälschungen ist das Glas aus Mineral oder Acryl.
- Gang des Sekundenzeigers: Bei mechanischen Schweizer Uhren bewegt er sich fließend. Bei billigen Replikas mit chinesischem Werk ruckt er wie bei einer gewöhnlichen Quarzuhr aus dem Supermarkt.
- Geruch der Originalbox: Die Boxen billiger Replikas riechen nach Klebstoff – aufdringlich und deutlich. Originale Boxen riechen nach hochwertigem Karton, Leder oder Stoff – oder gar nicht.
Fazit: Kreuzschlitzschraube, verkratzbares Glas, ruckender Sekundenzeiger, Klebstoffgeruch in der Box – das sind sichere Zeichen einer günstigen Fälschung. Für alles darüber hinaus braucht es Erfahrung.
Hochwertige Fälschungen: Selbst Experten irren sich
Der Fall Hublot – ein "Frankenstein" aus der Praxis
Hier beginnt das ehrliche Gespräch. Ist eine Fälschung gut gemacht, ist es ohne Berufserfahrung praktisch unmöglich, sie vom Original zu unterscheiden. Das ist keine Übertreibung.
Ich selbst – jemand der seit vielen Jahren mit Uhren arbeitet – habe einmal einen Hublot Big Bang gekauft, in dem teilweise originale Komponenten steckten: der Automatikrotor und einige Brücken von echten Uhren, vermutlich von einem Totalschaden. Das Werk ETA 7750, das Hublot in diesen Modellen verwendete, ist weit verbreitet und auf dem Markt leicht zu finden. Das Ergebnis war ein sogenannter "Frankenstein": außen und teilweise innen ein Original, der Rest eine Fälschung. Selbst ich habe kurz gezweifelt.
Wenn selbst die Datenbank zweifeln lässt
Ein weiteres Beispiel: Neulich habe ich einen Rolex geprüft und festgestellt, dass die Bearbeitung der Werkteile leicht von den Datenbankangaben abwich. Zweifel kamen auf. Aber dann fand ich auf YouTube eine Überholungsanalyse exakt desselben Modells – und das Werk war identisch. Einfach eine andere Charge, ein anderes Herstellungsjahr.
Das "Sandwich" – wenn das Original zur Fälschung wird
Rolex Submariner Hulk als klassisches Sandwich-Beispiel
Dabei wird ein originaler Rolex Submariner genommen und durch einfachen Austausch von Zifferblatt und Lünette zu einem vermeintlichen "Submariner Hulk" umgebaut. Das Werk ist echt, das Gehäuse ist echt – aber die Uhr ist es als Gesamtheit nicht. Solche Uhren kursieren zu Hulk-Preisen, obwohl sie nur einen Bruchteil wert sind.
Referenznummern als Schutz vor Fälschungen
Heute trägt jedes Rolex-Modell eine klare Referenznummer. Der Rolex GMT-Master II "Pepsi" hat zum Beispiel die Referenz 126710BLRO. Wer diese Nummern kennt und prüft, hat einen wichtigen Schutz.
Kauf von Privat: 80 % Risiko, Geld zu verlieren
Warum der Privatmarkt für Luxusuhren gefährlich ist
Der Markt privater Verkäufer ist voll von Replikas – und rechtlich ist man kaum geschützt. Der Verkäufer wird sagen: "Ich habe eine Uhr verkauft, auf der Rolex steht. Sie haben selbst geschaut, was Sie kaufen." Selbst Box und Papiere garantieren nichts; beides wird genauso sorgfältig gefälscht wie die Uhren selbst.
Unser Rat: Wenn Sie kein Profi sind, kaufen Sie keine teuren Schweizer Uhren von Privatpersonen, die Sie nicht kennen. Das Risiko ist zu hoch.
Was uns als Nächstes erwartet
Frankenstein-Uhren, Sandwiches und Rolex-Referenzen
In den nächsten Beiträgen berichten wir ausführlicher über "Frankenstein-Uhren", die aus originalen Teilen verschiedener Exemplare zusammengesetzt wurden, und vertiefen das Thema "Sandwich"-Uhren. Ein eigenes Thema ist auch, wie sich die Referenzkennzeichnung bei Rolex über die Jahre verändert hat – und warum das bei der Echtheitsprüfung so wichtig ist.
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